Wenn der Dezember den Raum verändert
- Bettina Eiben Künzli
- 25. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
2025-12-24
Ein leises Lautdenken über Kommerz, Gefühle und Ethik
Manchmal wirkt die Weihnachtszeit wie ein besonderer Filter. Nicht im religiösen Sinn, nicht romantisch – eher wie eine kollektive Stimmungsschicht, die sich über Wochen auf den Alltag legt. Alles wird ein wenig wärmer, ein wenig schneller, ein wenig voller. Und gleichzeitig verschiebt sich etwas im Hintergrund: worüber wir sprechen, was wir wahrnehmen, was wir ausblenden.
Ich beobachte das nicht mit Zynismus. Eher mit Interesse. Denn es ist faszinierend, wie zuverlässig gewisse Muster jedes Jahr wieder auftauchen – als wäre diese Zeit nicht nur ein Fest, sondern auch ein kultureller Betriebsmodus.
Ein Fest der Gefühle – und eine Ökonomie, die damit arbeitet
Im Dezember ist Emotion nicht einfach “da”. Sie wird auch gestaltet: durch Bilder, Musik, Erzählungen, Erwartungen. Nostalgie. Sehnsucht. Harmonie. Das Versprechen von Nähe. Auch Schuld und Pflicht schwingen manchmal mit – ganz leise, aber wirksam.
Das ist nicht automatisch “manipulativ”. Es ist zunächst einmal Kultur: Wir schaffen Rituale, um Bedeutung zu spüren. Doch sobald diese Gefühle eng mit Konsum verbunden werden, entsteht eine besondere Kopplung: Gefühl wird zum Treibstoff, und Kaufen wird zur Sprache, mit der wir Zugehörigkeit ausdrücken.
Man könnte sagen: Der Dezember ist eine Zeit, in der wir kollektiv sehr empfänglich sind – und genau das macht ihn wirtschaftlich (und ...) so attraktiv.
Moral als Beruhigung – Ethik als Etikett
Viele Menschen möchten in dieser Zeit “das Richtige” tun. Man spendet, man schenkt, man ist freundlicher, man will niemanden verletzen. Das ist schön und oft ehrlich gemeint.
Und doch spüre ich manchmal eine zweite Schicht: Moral kann auch beruhigen. Sie kann uns das Gefühl geben, “ausgeglichen” zu haben – ohne dass wir die Strukturen anschauen müssen, die rund um uns weiterlaufen. Ethik wird dann schnell zu einem Label: “nachhaltig”, “fair”, “tierlieb”. Worte, die in uns etwas Gutes auslösen – selbst wenn dahinter dieselbe Geschwindigkeit und derselbe Druck stehen wie immer.
Nicht, weil Menschen schlecht wären. Sondern weil Systeme gut darin sind, Bedeutungen zu übernehmen und in Routinen zu verpacken.
Was im Schatten weiterläuft
Während vorne alles glänzt – Lichterketten, Menüs, Wünsche – läuft hinten der Normalbetrieb: Lieferketten, Arbeitsdruck, Produktionsspitzen, Logistik, Entsorgung. Und ja, auch Leid, das nicht zur Stimmung passt: Tiere, Natur, Menschen in unsichtbaren Arbeitsrealitäten.
Ich sage das nicht, um Weihnachtsfreude zu verbieten. Im Gegenteil: Ich glaube, echte Freude ist kostbar. Aber vielleicht lohnt es sich, diesen Kontrast zu sehen – nicht als Anklage, sondern als Wahrnehmung.
Denn wenn wir den Schatten nicht sehen, entsteht Raum, in dem alles ungestört weitergeht.
Ein anderes Verhältnis zur Zeitqualität
Vielleicht ist die eigentliche Frage nicht: “Wie feierst du richtig?”Sondern: Welche Art von Aufmerksamkeit kultivieren wir – gerade dann, wenn ein kulturelles Skript so stark wird?
Was wäre, wenn wir den Dezember nicht nur als Konsum-Saison betrachten, sondern als Übungsfeld für Bewusstheit?
• Bewusstheit dafür, wann wir kaufen, um zu fühlen.
• Bewusstheit dafür, wann Harmonie zum sozialen Druck wird.
• Bewusstheit dafür, wann Ethik zu einem beruhigenden Sticker wird.
• Und Bewusstheit dafür, was wir nicht sehen, wenn wir “im Zauber” sind.
Kein Schuldgefühl. Nur ein kleiner Shift.
Ich glaube nicht, dass Menschen “wachgerüttelt” werden müssen. Ich glaube eher, dass viele längst spüren, dass etwas nicht stimmt – und nur selten Zeit und Raum haben, dieses Spüren ernst zu nehmen.
Vielleicht reicht ein kleiner Shift: ein Moment, in dem wir uns fragen:“Was nährt hier wirklich Verbindung – und was ist nur der Ersatz dafür?”

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